EMV-Anforderungen

Die Anforderungen der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) zielen darauf ab, sicherzustellen, dass elektrische und elektronische Geräte in ihrer Umgebung sicher und zuverlässig funktionieren, ohne elektromagnetische Störungen anderer Systeme hervorzurufen oder selbst gestört zu werden. Die wichtigsten Kernpunkte der EMV-Anforderungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Immunität (Störfestigkeit): Geräte müssen in verschiedenen elektromagnetischen Umgebungen funktionssicher arbeiten, auch wenn sie elektromagnetischen Störungen ausgesetzt sind. Das umfasst den Schutz gegen hochfrequente Felder, Impulse (Burst, Surge), elektrische Felder, Magnetfelder sowie elektrostatische Entladungen (ESD).
  2. Emissionsbegrenzung: Geräte sollen nur geringstmögliche elektromagnetische Emissionen ausstrahlen, um andere Anlagen und Systeme nicht zu stören. Das betrifft sowohl Funk- und Hochfrequenzemissionen als auch Störungen durch leitungsgebundene Signale.
  3. Normen und Grenzwerte: Die Einhaltung festgelegter Grenzwerte für Störstrahlung und Störfestigkeit ist in zahlreichen Standards geregelt (wie IEC 61000-Serie, EN-Normen, FCC-Regelungen). Diese Grenzwerte variieren je nach Anwendungsbereich, Gerätetyp und Umgebung.
  4. Zertifizierung: Geräte müssen geprüft und zertifiziert werden, z.B. CE Zertifizierung,um die Einhaltung der EMV-Anforderungen nachzuweisen. Nur geprüfte Produkte dürfen vertrieben werden.
  5. Schutzmaßnahmen: Um die Anforderungen zu erfüllen, werden Schutzmaßnahmen wie Filter, Abschirmungen, Erdungskonzepte und leitungsbegrenzende Bauteile eingesetzt.

Insgesamt dienen diese Anforderungen dazu, eine funktionierende und sichere elektromagnetische Umwelt zu gewährleisten, technische Störungen zu minimieren und die Zuverlässigkeit elektrischer Anlagen zu maximieren.

Im Folgenden werden Grundlagen elektromagnetischer Störungen dargestellt bzw. welche Normen diese beschreiben.

 

ESD - Was ist eine elektrostatische Entladung?

Elektrostatische Entladung (ESD) ist ein bedeutender Aspekt in der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV). Sie entsteht, wenn bei zwei unterschiedlich stark aufgeladenen Objekten ein unkontrollierter Ausgleich elektrischer Ladung stattfindet. Diese Entladungen können schon allein bei der Fertigung entstehen, wenn Personen sich z.B. beim Gang durch Fabrikhallen elektrostatisch aufladen und beim Kontakt mit elektronischen Bauteilen eine Minimalentladung an die Bauteile abgeben. Schon allein diese Entladungen können ausreichen, um Beschädigungen oder Fehlfunktionen an mikroskopisch kleinen Strukturen zu verursachen.

Um Schäden und Störungen zu vermeiden, sind geeignete Schutzmaßnahmen notwendig. Die Prüfung der ESD-Anfälligkeit erfolgt nach Normen wie IEC 61000-4-2 oder auch der im Automobilbereich verbreiteten ISO 10605, die die Bedingungen und Testabläufe der Störfestigkeit gegenüber elektrostatischen Entladungen festlegen. Durch die Beachtung dieser Standards kann die Zuverlässigkeit und Langlebigkeit elektronischer Geräte deutlich erhöht werden.

 

Burst / EFT

Beim Burst oder auch EFT (Electrical Fast Transients) handelt es sich um Spannungsspitzen, die allerdings in ihrer Auswirkung meist nicht so gravierend sind, wie der Surge-Impuls. Es handelt sich um hochfrequente Impulspakete mit niedriger Energie  und hoher Amplitude. 

Diese Transienten können zu Störungen und potenziellen Fehlfunktionen in elektronischen Systemen führen, wenn sie nicht angemessen gedämpft werden.

Die Erzeugung von Burst-Signalen erfolgt häufig durch Testverfahren, in denen standardisierte Pulse von Generatoren erzeugt werden, um elektromagnetische Störungen zu simulieren. Solche Testverfahren sind in Normen wie der  IEC 61000-4-4 geregelt, die spezifische Anforderungen an die Belastbarkeit von Geräten gegen Burst-Impulse stellen.

 

Surge

Surge - auch als Stoßspannung bezeichnet -  beschreibt plötzliche, kurzzeitige aber deutliche hochenergetische Spannungssteigerungen im elektrischen Netz. Diese Überspannungen entstehen meist durch Blitzschläge, Schalthandlungen im Stromnetz oder durch elektrische Störungen, die unkontrolliert in das System eingespeist werden. Besonders bei empfindlichen elektronischen Geräten können dann Surge-Schäden auftreten und sogar zum Totalausfall der Geräte führen.

Blitzentladungen sind die häufigste Ursache von Surge-Events. Wenn ein Blitz in die Nähe einer Stromleitung einschlägt, steigt die Spannung kurzfristig auf mehrere Tausend Volt an. Diese plötzlichen Überspannungen breiten sich entlang der Leitung aus und können elektrische Geräte zerstören, wenn sie nicht ausreichend geschützt sind. 

Ebenso entstehen Überspannungen durch Schalthandlungen im Stromnetz, wie z.B. beim Ein- oder Ausschalten großer Verbraucher oder bei Schaltvorgängen bei Übertragungsstationen. Solche Ereignisse sind meist weniger extrem, treten aber häufiger auf und können sich kumulativ auf die Geräte auswirken.

Neben dem Schutz der Hardware ist auch die Einhaltung von EMV-Richtlinien und Normen wichtig. In diesen Normen, wie beispielsweise der IEC 61000-4-5, sind Testmethoden und Grenzwerte für Surge-Events festgelegt, um die elektromagnetische Verträglichkeit sicherzustellen. Dabei wird geprüft, wie gut eine elektrische Anlage oder ein Gerät gegen plötzliche Spannungsimpulse gesichert ist und ob ein stabiler und definierter Arbeitszustand erhalten bleibt. 

In Zukunft wird die Bedeutung des Surge-Schutzes in der EMV weiter steigen, insbesondere durch den Ausbau erneuerbarer Energien, intelligenter Stromnetze und der zunehmenden Vernetzung von Geräten. Hierbei kommt es auf eine Kombination aus robusten technischen Lösungen und intelligenter Steuerung an, um Überspannungsspitzen frühzeitig zu erkennen und Schädigungen der Geräte zu vermeiden.

 

Störfestigkeit

Die leitungsgebundene Störfestigkeit ist ein wichtiger Aspekt der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV), bei dem die Fähigkeit eines Systems geprüft wird, elektromagnetische Störungen, die über Leitungen eingekoppelt werden, zu widerstehen, ohne Fehlfunktionen zu zeigen. In diesem Zusammenhang spielen die Normen IEC 61000-4-6, IEC 61000-4-16 und IEC 61000-4-19 eine zentrale Rolle bei der standardisierten Bewertung und Sicherstellung der Störfestigkeit.

Die IEC 61000-4-6 beschreibt die Umgebungsbedingungen und Prüfverfahren zur Messung der leitungseingekoppelten Starkfelder auf leitungsgebundene Geräte. Ziel ist es, die Resistenz gegen hochfrequente Signale zu bewerten, die durch elektromagnetische Felder in Kabelsysteme induziert werden. Dabei werden Simulations- und Feldtests durchgeführt, bei denen Störungen in verschiedenen Frequenzbereichen auf die Kabel eingekoppelt werden, um das Verhalten der Geräte bei elektromagnetischen Einwirkungen zu überprüfen.

Die IEC 61000-4-16 behandelt die Anforderungen an die elektromagnetische Abschirmung und Filterung von Netz- und Signalleitungen bei Dauerstörgrößen. Sie legt fest, wie Prüfungen durchzuführen sind, um die Störfestigkeit gegen leitungsgeführte, asymmetrische Störgrößen im Frequenzbereich von 0 Hz bis 150 kHz zu messen. Ziel ist es, Geräte so zu entwickeln, dass Störungen durch externe elektromagnetische Felder, etwa in industriellen Umgebungen, keinen Einfluss auf die Funktion haben. Maßnahmen wie Filter, Abschirmungen und Erdungskonzepte werden hierbei bewertet.

Die IEC 61000-4-19 schließlich spezifiziert die Prüfprocedere für leitungsgebundene Störfestigkeit an Wechselstrom-Netzanschlüssen gegen leitungsgeführte symmetrische Störgrößen und Störgrößen aus der Signalübertragung im Frequenzbereich von 2 kHz bis 150 kHz. Diese Prüfungen simulieren die realen Belastungen und testen, ob Anlagen und Geräte diese Impulse ohne dauerhafte Schäden oder Funktionsbeeinträchtigung aushalten.

In der Praxis sind diese Normen das Fundament für die Planung, Prüfung und Zertifizierung von elektronischen Systemen hinsichtlich ihrer Widerstandsfähigkeit gegen leitungsgebundene elektromagnetische Störungen. Schutzmaßnahmen wie Filterschaltungen, Erdungskonzepte oder weiche Schalttaktiken sind dabei essenziell. Die Einhaltung dieser Standards trägt entscheidend dazu bei, Störungen zu minimieren und die Betriebssicherheit in elektromagnetisch belasteten Umgebungen zu gewährleisten.

 

Magnetfeld

Bei Magnetfeldtests werden elektromagnetische Felder im Frequenzbereich von einigen Hertz bis zu mehreren Megahertz simuliert, die durch natürliche Quellen wie geomagnetische Stürme, aber auch durch technische Quellen wie Transformatoren, Elektromotoren oder Mobilfunkantennen erzeugt werden können. Die Prüfungen erfolgen meist in standardisierten Prüfkammern, die eine kontrollierte Umgebung bieten, damit die erzielten Messwerte reproduzierbar sind.

In einem typischen Test wird das Gerät in einem festgelegten Abstand zu einer Emissionsquelle platziert, während ein definiertes Magnetfeld erzeugt wird. Es werden unterschiedliche Feldstärken und Frequenzen eingesetzt, um die Belastbarkeit gegen verschiedene Störungen nachzuweisen. Während der Tests überwacht man die Funktion des Geräts, insbesondere ob es zu Fehlfunktionen, Datenverlust oder sogar Beschädigungen kommt.

Die Ergebnisse dieser Magnetfeldtests sind entscheidend, um die elektromagnetische Kompatibilität eines Produkts nachzuweisen und die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben oder Normen, wie z. B. IEC 61000-4-39 / IEC 60601-1-2 im medizinischen Bereich, IEC 61000-4-8  sowie militärische Normen wie MIL-STD-461 RS 101, CS 101 und  MIL-STD-461 RE 101, CE 101 zu garantieren.

EMV-Schutzmaßnahmen

Um elektromagnetische Verträglichkeit zu gewährleisten, sind verschiedene Schutzmaßnahmen notwendig. Hier sind die wichtigsten im Detail:

  • Abschirmung (Schirmungstechniken):
    Dabei werden leitfähige Materialien, wie Metallgehäuse oder spezielle Abschirmfolien, verwendet, um elektromagnetische Felder zu blockieren oder zu reduzieren. Diese Abschirmung verhindert, dass Störungen von außen in das Gerät eindringen oder dass Störungen vom Gerät nach außen abgegeben werden. Besonders bei empfindlichen medizinischen Geräten ist eine gute Abschirmung essenziell.
  • Filterung:
    Elektronische Filter, wie Ferritkerne, Kondensatoren oder spezielle EMV-Filter, werden an den Strom- und Signalleitungen angebracht. Sie filtern hochfrequente Störungen heraus, die durch elektromagnetische Felder verursacht werden, und sorgen so für eine stabile Stromversorgung und Signalübertragung.
  • Entkopplung und Trennung:
    Empfindliche Geräte sollten physisch und elektrisch von Störquellen getrennt werden. Das kann durch die Anordnung der Geräte im Raum, durch Verwendung von Trennwänden oder durch spezielle Entkopplungskreise erfolgen. Ziel ist es, Störungen auf ein Minimum zu reduzieren.
  • Erdung (Schutzerdung):
    Eine ordnungsgemäße Erdung ist entscheidend, um elektromagnetische Störungen abzuleiten. Sie sorgt dafür, dass unerwünschte elektrische Ströme sicher in die Erde abgeleitet werden, was die Sicherheit erhöht und Störungen reduziert.
  • Designoptimierung der Geräte:
    Bei der Entwicklung von technischen Geräten sollte auf EMV-konformes Design geachtet werden. Das umfasst die Verwendung von Schaltungen, die Störungen minimieren, sowie die Platzierung von Komponenten, um Störsignale zu vermeiden. Auch die Verwendung von symmetrischen Leitungen und kurzen Leitungswegen trägt dazu bei.
  • Einhaltung von Normen und Standards:
    Es gibt internationale und nationale EMV-Richtlinien (z.B. IEC-Normen), die sicherstellen, dass Geräte bestimmte EMV-Anforderungen erfüllen. Die Einhaltung dieser Normen ist verpflichtend, um die Sicherheit und Kompatibilität zu gewährleisten.
  • Umgebungsmaßnahmen:
    In der Umgebung der Geräte können Maßnahmen getroffen werden, wie z.B. die Vermeidung von unnötigen elektromagnetischen Störquellen, Verwendung von abgeschirmten Kabeln oder die Einrichtung von EMV-freundlichen Räumen.


Diese Schutzmaßnahmen zusammen sorgen dafür, dass Geräte zuverlässig funktionieren, keine Störungen verursachen und die Sicherheit von elektrischen Geräten und Anlagen gewährleistet ist.